Fototherapie

Fotografie ist allgegenwärtig. Täglich werden wir von immer neuen Abbildern unserer äußeren Wirklichkeit überflutet. Jeder kann heutzutage mit seinem Smartphone oder Tablet ein gutes Bild machen. Die Hemmschwelle vor dem Medium Fotografie scheint gering. Hierin unterscheidet sich das Fotografieren drastisch vom Malen, das in der Regel mit handwerklichem und künstlerischem Know how gleichgesetzt wird und viele, besonders erwachsene Menschen in Ängste versetzt, wenn sie sich darin ausdrücken sollen.

Umso wichtiger ist es mir, das Medium Fotografie therapeutisch zu nutzen. 

Fotografie ermöglicht Ausdruck der von uns gewonnenen Eindrücke. Sie ermöglicht uns, den Augenblick festzuhalten und mit anderen zu teilen. Fotografieren ist sozial und interaktiv. Ein Foto wirkt vorrangig objektiv, beinhaltet aber auch immer gleichzeitig eine subjektive Komponente des Abbildenden oder Abgebildeten. Es ist ein Wechselspiel zwischen Fotograf, Objekt und dem Betrachter des Werkes, ein
In-Beziehung-Treten von ICH, DU und WELT.

Im Dialog mit anderen können wir erleben, wie unterschiedlich die Sicht auf die Welt sein kann. Ein und dasselbe Bild bietet Projektionsfläche für unterschiedlichste Emotionen oder Interpretationen. Ein Bild und dessen Aussage ist immer abhängig von Ihren persönlichen Erfahrungen und Ihrer subjektiven Sicht auf die Welt. Innere Bilder des Fotografen, des Betrachters bzw. der abgebildeten Person können freigelegt, gespiegelt oder mobilisiert werden. Ihre ganz persönliche Wirklichkeit wird sichtbar und für andere nachvollziehbar.

Im Spiel mit Nähe und Distanz, selektiver Schärfe bzw. Unschärfe können wir uns gemeinsam mit der Frage der inneren bzw. äußeren Distanz auseinandersetzen. Fotografie ist ein Hilfsmittel, Bedrohliches in den Hintergrund bzw. in die Unschärfe zu rücken. Ihre Wünsche dagegen dürfen in den Fokus kommen. Fotografie kann als Brücke eingesetzt werden, sich von Themen zu distanzieren und andere in den Vordergrund zu stellen. 

Ein Foto kann aber auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie oder / und Identität anstossen. In der Biografiearbeit mit persönlichen Schnappschüssen können Sie Ihre ganz individuelle Lebensgeschichte anhand mitgebrachter Fotos nacherzählen und versuchen, neben den sichtbaren auch die emotionalen Seiten dieser Bilder zu entdecken. Im therapeutischen Rahmen haben wir dann die Möglichkeit, über das gemeinsame Betrachten dieser Fotos die Erinnerungen noch eimal anwesend sein zu lassen. In einem künstlerischen Prozess können Sie Ihre persönlichen Bilder spielerisch in einen neuen Kontext setzen – die Psychologie benutzt dafür den Ausdruck "reframing"; durch schöpferische Tätigkeit oder Kommunikation wird es möglich, Szenen aus ihrer Biografie in einem neuen Blickwinkel erscheinen zu lassen. Sie können die Bilder fotografisch oder künstlerisch nachstellen oder nacharbeiten, sie in Dialog zu anderen Bildern und Erlebnissen setzen, sie bearbeiten, verfremden oder revidieren, um neue Geschichten mit oder aus ihnen zu formen.

Fotografie kann sich aber auch mit der Frage nach dem Selbst auseinandersetzen, nach der zentralen Frage: „Wer bin ich?“ In kleinen Gruppen können wir uns unserer Sicht auf uns selbst bewusst werden und der - oft völlig konträren - Sicht der anderen. Mittels verschiedener Fototechniken können wir uns als Einstiegsthema im Raum positionieren. Dabei sind Fragen wie: „Wieviel Raum habe ich, steht mir zu?“ wichtig oder „Wieviel Platz nehme ich ein oder hätte ich gerne?“ In Selbst- und Fremdportraits gehen Sie Ihrer persönlichen Identität nach. Dieser therapeutische Prozess eröffnet Ihnen neu Sichtweisen auf sich und andere.

Mittels neuer ästhetischer Erfahrungen kann Fotografie einen gestalterisch-künstlerischen Prozess anstossen, der das Problem nonverbal zum Thema machen kann. Foto-Therapie ist ein gutes Hilfsmittel, um internalisierte Erfahrungen nach aussen zu bringen und sie für sich und andere zu visualisieren oder um gute Erfahrungen festzuhalten und so besser verinnerlichen zu können.